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Martin Gamnitzer

 

Anmerkungen zu Amflora (Update)

Update am 23.09.2010: Beschreibung der Unterschiede zwischen Bioplant-Kartoffel und Amflora korrigiert.

Vorbemerkung: Ich habe nicht vor, in diesem Artikel eindeutig Stellung für oder gegen Amflora zu beziehen. Gerade radikale Positionen, wie sie z.B. von Greenpeace[1] vertreten werden, halte ich für wenig hilfreich, wenn es um mehr als bloßen Populismus geht. In diesem Sinne soll dieser Artikel vor allem Argumente und Informationen bündeln, um insbesondere fachfremden Lesern eine vernünftige Grundlage zur eigenen Meinungsbildung zu liefern.

Was ist Amflora und warum wird der Anbau kritisiert?

Amflora ist eine gentisch veränderte Industriekartoffel mit hohem Anteil Amylopektin[2], dafür aber kaum Amylose[3]. Amflora ist nicht zum direkten Verzehr, sondern zur Stärkegewinnung gedacht (schmeckt auch nicht). Einsatzgebiete sind insbesodnere Papier-, Garn- und Klebstofffertigung.

Sieht man von radikalen Gentechnik-Gegner ab, steht diese Modifikaton auch nicht in der Kritik. Als problematisch wird das verwendete Markergen Neomycin-Phosphotransferase II (im Folgenden NPTII) angesehen. Dieses Gen ist ein Antibiotika-Resistenzgen, insbesondere gegen die Wirkstoffe Kanamycin und Neomycin.
Die letzten zwei Sätze werfen einige Fragen auf, die ich systematisch behandeln möchte.

Wofür werden Markergene gebraucht?

Das gezielte Einschleusen einzelner Gene in Zellen ist zwar ein alltäglicher Vorgang, aber die Erfolgsquote ist meist gering – nur wenige der behandelten Zellen nehmen die neue Sequenz auf. Es müssen also immer viele Zelle “behandelt” werden. Und anschließend muss man natürlich herausfinden, welche der Zelle das neue Gen aufgenommen haben. Und genau dafür brauchen wir die Markergene.

Aber warum werden dafür Antibiotika-Resistenzgene verwendet?

Weil die Analyse, welche Zellen das Antibiotikum aufgenommen haben, über genau diese Eigenschaft stattfindet, da Kanamycin für Pflanzenzellen toxisch ist. Nur Zellen mit dem Resistenzgen überstehen die Behandlung mit dem Antibiotikum. Und durch die enge Kopplung unseres eigentlichen Gens und des Markergens gilt: Ist das Markergen drin, sind beide drin.

Wofür werden Kanamycin und Neomycin eingesetzt?

Beide Antibiotika werden in der Veterinärmedizin zur Behandlung von Magen-Darm-Infektionen – insbesondere bei Haustieren – eingesetzt.
In der Humanmedizin wird Kanamycin in Form von Augentropfen und -salben zur Behandlung bakterieller Augeninfektionen eingesetzt. Außerdem ist es ein Reserveantibiotikum für die Behandlung multiresistenter Tuberkulose. Neomycin wird bei kleineren Schleimhautinfektionen verwendet.

Wieso kann eine kanamycin-resistente Kartoffel ein Problem sein?

Eines ist klar: Eine Kartoffel ist kein Tuberkulose-Erreger. Also ist es augenscheinlich unerheblich, ob die Kartoffel gegen ein Antibiotikum resistent ist. Allerdings neigen gerade Mikroorganismen dazu, untereinander Gensequenzen auszutauschen. Man nennt das “horizontalen Gentransfer”. Mittlerweile gilt es zudem als erwiesen, dass es auch einen Gentransfer zwsichen Pflanzen und Bakterien geben kann – also auch von der Knolle in den Tuberkulose-Erreger[4].
Nur: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist extrem gering, vor allem bei der Kartoffel, die gar nicht gegessen wird. Doch selbst wenn jemand eine Amflora-Kartoffel isst, wird ihr genetisches Material höchstwahrscheinlich durch die Verdauung zerstört, bevor ein Erreger im Margen-Darm-Trakt überhaupt die Chance bekommt, es zu assimilieren. Was bleibt ist die Feststellung, dass ein Gentransfer möglich, aber äußerst unwahrscheinlich ist.

In diesem Zusammenhang soll noch erwähnt werden, dass NPTII nicht im Labor entwickelt wurde, sondern ohnehin in vielen Krankheitserregern vorhanden ist. Diese nehmen wir durch den Verzehr von Obst und Gemüse auch immer wieder auf. Im Stuhl der meisten Menschen lassen sich demnach auch Bakterien, die NPTII tragen, ermitteln. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zwischen diese Bakterien und denen, die mit Neomycin und Kanamycin behandelt werden, zu einem Genaustausch kommt, ist wesentlich höher als der Austausch zwischen der Knolle und dem Errgener.

Noch mehr Informationen

Amflora ist nicht mehr ganz jung. Ganze 13 Jahre dauerte das Zulassungsverfahren für die EU. Mittlweile hat sich die Gentechnik weiterentwickelt und es gibt eine Reihe von Verfahren, um die Markergene wieder zu entfernen oder ganz ohne Markergene auszukommen. Auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat ihre Zulassungsregeln verschärft[5]. So sind viele Markergene gar nicht mehr oder nur eingschränkt erlaubt. NPTII bleibt weiterhin uneingeschränkt verwendbar, eben aufgrund der oben aufgeführten Argumente. Ich empfinde diese Punkte (Zulassungszeit und Regelverschärfung) auch als wichtige Argumente gene all jede, die der EFSA (oder anderen in den Zulassungsprozess involvierten Institutionen) Käuflichkeit vorwerfen.

Unabhängig von Amflora werden auch anderen Kartoffelsorten mit dem gleichen Ziel, aber anderen Methoden, entwickelt. Die Firma Bioplant[6] hat eine Kartoffel entwickelt, die das gleiche genetische Material enthält wie Amflora – nur ohne Markergen. die gleichen Eigenschaften wie Amflora hat. Möglich wurde dies durch ein recht junges Verfahren names “TILLING”, bei dem das Ergbut gezielt durch die Anwendung mutagener Substanzen verändert wird. Neben dem Fehlen des Markergens unterscheiden sich die Kartoffeln genetisch dadurch, dass bei Bioplant das für die Amlyoseproduktion verantwortliche Gen inaktiv ist, wohingegen bei Amflora ein komplementäres Gen eingebracht wurde, um die Wirkung von jenem zu unterdrücken.
Diese Kartoffel kann aber im Gegensatz zu Amflora ohne weiter Zulassung angebaut werden! Denn die europäischen Zulassungsrichtlinien orientieren sich an der Erzeugung der Pflanze, nicht an ihren Eigenschaften. Hier besteht aus meiner Sicht enormer Handlungsbedarf. Vor allem dann, wenn genetisch veränderte Pflanzen auf den Markt kommen, die wie Amflora erzeugt werden, aber ohne Markergen auskommen.

Als radikales Argument gegen Amflora muss unbedingt noch das Vorsorge-Prinzip erwähnt werden. Auch wenn die Gefahr eines Gentransfers extrem gering ist, so ist sie nicht auszuschließen. Da wir durch den oftmals sorglosen Umgang mit Antibiotika bereits mit vielen Resistenzen konfrontiert sind, müssen die verbleibenden wirksamen Antibiotika unbedingt geschützt werden. Demnach dürften genetisch veränderten Pflanzen generell keine Resistenzgene enthalten.
Unabhängig von den konkreten Zulassungsregeln wird dieser Fall aus meiner Sicht ohnehin in (naher) Zukunft erreicht werden, eben durch die erwähnten weiterentwickelten Verfahren.

Die Monopolbilung durch Monsanto und BASF

Als weiteres Argument gegen die Zulassung genetisch veränderter Pflanzen wird die Monopolbildung durch Firmen wie Monsanto (Bt-Mais) und BASF ins Feld geführt. Insbesondere die Versuche seitens Monsanto, Pflanzen (bzw. deren genetisches Material) patentieren zu lassen, sind äußerst kritisch zu sehen. Allerdings wird diese Vorgehenweise verständlich, wenn man bedenkt, welcher Aufwand nötig war, um die Produkte zur Zulassung zu bringen (Bt-Mais hat seine bekanntlich wieder verloren). Das macht die Sache aber nicht besser.

Mir ist aber besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass das genetische Verfahren und die konkrete Situation am Markt zwei verschiedene Dinge sind, die nicht durcheinander gebracht werden dürfen. Wenn Unternehmen Monopole bilden, ist das kein Argument gegen Gentechnik, sondern ein Problem der Regeln am Markt.
Unternehmen lassen sich in ihrem Tun durch Gesetze einschränken – Gene nicht!

Ich hoffe, dass meine Ausführungen verständlich waren und helfen, die Problematik besser zu verstehen. Wie immer freue ich mich über Feedback und auch weiterführende Fragen.


Quellennachweise

Greenpeace: Die Gen-Kartoffel von BASF

Amylopektin bei Wikipedia

Amylose bei Wikipedia

Horizontal Gene Transfer from GMOs Does Happen

Allgemeine Stellungnahme der ZKBS, Az.: 6790-10-62 (PDF!)

Bioplant

2 Kommentare zu “Anmerkungen zu Amflora (Update)”

  1. Sabine sagt:

    Hallo Herr Gamnitzer,
    das was Sie zu “Tilling”-Kartoffeln schreiben ist nicht ganz richtig. Sie enthalten nicht die gleiche Erbmaterial wie die Amflora. Sie haben lediglich die gleiche Eigenschaft. Das Erbmaterial kann sich dennnoch unterscheiden. Das Tilling-Verfahren unterscheidet sich von der Gentechnischen Veränderung, wie sie bei Amflora vorgenommen wurde, auch nicht nur dadurch, dass Amflora ein Markergen hat. Beim Tilling werden Mutationen angeregt, die auch natürlich vorkommen, bei der gentechnischen Veränderung wird ein Fremdgen, dass es in der Pflanze u. U. nie geben würde eingebaut. In vielen Fällen Gene aus Bakterien. Das ist meines Erachtens doch ein deutlicher Unterschied.
    Viele Grüße,
    Sabine

    • martin sagt:

      Hallo Frau Yacoub,

      Sie haben recht, das genetische Material ist nicht identisch. Ich habe den entsprechenden Absatz korrigiert und konkretisiert.

      Vielen Dank für den Hinweis.