Tagung in Leipzig diskutiert: Kann man Zukunft mit Dynamischen Systemen simulieren? Mir erschien der Tenor in diesem Artikel als zu optimistisch. Deshalb habe ich ein paar Zeilen dazu geschrieben, um die Aussage zu relativieren. ">

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Martin Gamnitzer

 

Leserbrief zu Tagung in Leipzig diskutiert: Kann man Zukunft mit Dynamischen Systemen simulieren?

Am 17.06.2010 wurde in der Leipziger Internetzeitung (in einer Ankündigung für eine Konferenz rund um “System Dynamics”)  die Vorstellung geäußert, dass wir weniger politische/soziale/wirtschaftliche Probleme hätten, wenn Modellierungswerkzeuge auch außerhalb der Ingenieurwissenschaften verbreiteter wären:
Tagung in Leipzig diskutiert: Kann man Zukunft mit Dynamischen Systemen simulieren?

Mir erschien der Tenor in diesem Artikel als zu optimistisch. Deshalb habe ich ein paar Zeilen dazu geschrieben, um die Aussage zu relativieren. Diesen Leserbrief kann man nun auch hier nachlesen, das Original natürlich auch bei der L-IZ.

 

Fehlentscheidungen in der Politik sind nicht nur auf mangelnde Weitsicht zurückzuführen. Die finanziellen Engpässe europäischer Staaten oder die Klimaveränderung sind keine Ereignisse, die plötzlich und unerwartet über uns hereinbrechen: Wer über seinen Verhältnissen lebt, muss damit rechnen, dass es nicht ewig so weitergehen wird.

Dafür braucht man keine rechnergestützte Modellbildung. Was fehlt, ist nicht Fähigkeit, Komplexität zu erfassen, sondern bereits die mangelnde Bereitschaft dazu oder der ehrliche Vorsatz, Probleme grundlegend und im Interesse der Betroffenen zu lösen.

Wenn aber das geschehen würde, dass man sich ernsthaft und frei von kleinkarierten parteipolitischen oder lobbyistischen Zwängen mit einem Problem auseinandersetzt, würden sich zumindest grobe Lösungsstrategien nur durch Gedankenmodelle ergeben, ohne ein einziges Mal eine Simulation anwerfen zu müssen. Aber das Denken in komplexen Zusammenhängen ist nicht nur von Politikern zu erwarten, sondern betrifft alle Menschen und ihre Entscheidungsfindung: Für die Erkenntnis, dass es nicht gut sein kann, wenn man innerhalb von hundert Jahren großzügig Rohstoffe verbrennt, derer Herstellung mehrere Millionen Jahre in Anspruch genommen hat, sollte man keinen Rechner brauchen.

Der Sinn der rechnergestützten Modellbildung entsteht aus meiner Sicht vor allem dann, wenn es um das Abschätzen konkreter Maßnahmen geht. Also beispielsweise der Frage, wie hoch eine Transaktionssteuer ausfallen muss, um einen optimalen Effekt zu erzielen, ohne dabei die Finanzmärkte zum Erlahmen zu bringen.

Aber wenn man anfängt, rechnergestützte Modellbildung einzusetzen, ohne vorher ein umfassendes Bewusstsein für Komplexität zu schaffen, verkommt sie zu einem Werkzeug für Berater. Und diesem Werkzeuge wird – eben weil es niemand ausser den Beratern versteht – schnell der gleiche Ruf anhängen wie es bei Studien und Statistiken bereits der Fall ist. Sie erscheinen artifiziell und willkürlich interpretierbar.

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